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Zuruck

Erstellt von:
Klaus_Meier

Erstellt am:
06.01.2009

Etikettenschwindel

Guten Tag, mein Name ist CL, Passat CL.
Ich bin silber-metallic und habe gute 82 000 km auf dem Tacho neben der Schalt- und Verbrauchs-anzeige stehen. Angetrieben werde ich von einem 1,3 l-Motor mit 60 PS, die über ein 4-Gang-Getriebe auf die Straße gebracht werden. Beim Anlassen muß meine Starterklappe noch manuell per Choke geregelt werden. Als Karosserie trage ich ein zeitlos klassisches Stufenheck, erstmals zugelassen wurde ich 1984 und habe deswegen auch noch die schmalen Stoßstangen.

Schmale Stoßstangen, Schalt- und Verbrauchsanzeige, Stufenheck, 1984 – Passat ?
Sie, als aufmerksame Leser, werden nun schon sicher ins Stutzen gekommen sein – Richtig ! Zu dieser Zeit gab es noch kein Passat Stufenheck. Ich bin nämlich ein Santana, Modell CX.
Warum meinen Hinterteil aber ein Passat-Schild anhängt und was ich in den letzten gut 25 Jahren erlebt habe, möchte ich im Folgenden berichten.

Es war ziemlich ruhig, kalt und neblig, als ich Ende 1983 die Werkshallen in Emden verließ. Für meine blechernen Kollegen auf dem Band war ich allerdings etwas Ungewohntes, denn das Modell CX gab es erst seit August 1983 und wegen des 60 PS-Motors wurde ich, gerade von den GX-Modellen mit dem neuen 5-Zylinder-Einspritzmotor, ab und an belächelt.
Von älteren Produktionsmitarbeitern hatte ich aber gehört, daß ich schon den besseren 1,3er hatte - „Kein Vergleich zum alten Motor mit 55 PS“´, tönte es desöfteren in den Unterhaltungen. Häufig wurde der 60 PSer aber trotzdem nicht in Santanas montiert.
Zu meinem metallic-silbernen Äußeren trage ich innen blau. Als Extras habe ich eine Nebelschluss-leuchte und einen höhenverstellbaren Fahrersitz mit auf den Weg bekommen.
Erstmals im öffentlichen Straßenverkehr nahm ich am 5.1.1984 teil und versah meinen Dienst als Vorführwagen bei einem Bremer Autohaus, welches mir auch ein Radio aus einem älteren Passat einbaute.
Ich konnte einige Interessenten bei einer Probefahrt davon überzeugen Santanafahrer zu werden, die meisten bestellten sich aber min. 75 PS oder aber ein LX/GX-Modell.

So blieb ich bis zum Anfang 1985 beim Autohaus, ich erlebte das Facelift bei der Passatbaureihe und das Ende der Santanabaureihe mit. Vom einem Tag auf den anderen war ich ein altes Auto, ich wurde abgemeldet und landete auf dem Gebrauchtwagenplatz. Es verging das Frühjahr, der Sommer ließ mich schwitzen, im Herbst fielen die Blätter und im Winter war es ziemlich kalt. Ich habe in dieser Zeit viele nette Polo, Golf II - ein Carat ist mir in besonderer Erinnerung geblieben -, Passat, T3 usw. kennengelernt.
Anfang 1986 kam der Verkaufsleiter mal wieder über den Hof gelaufen: „Der muß nun auch endlich mal weg“, sagte er zu einem Mitarbeiter. Einige Tage später wurde ich angelassen und in die Werkstatt gefahren. Was war ich erfreut endlich mal wieder ein paar Meter fahren zu können – was mochte passieren, hatte sich ein neuer Fahrer für mich gefunden? Nein, ein Mechaniker fummelte an meinem Heck herum, beklebte meine Seiten mit Trimline Zierstreifen und fuhr mich wieder auf den Gebrauchtwagenplatz – diesmal rückwärts vor eine Glasfront. Und was sah ich dort über meinen Rückspiegel an meinem Heck? Hatte ich in früheren Zeiten etwas verbrochen, das es zu vertuschen galt, dachte der Verkaufsleiter nur er würde mich dadurch besser verkaufen können oder sollte ich fortan in geheimer Mission unterwegs sein? Zu letzterem gehört aber sich mehr als ein Passat CL-Schriftzug.
Einige Wochen, in denen ich von Geheimdiensten, wilden Verfolgungsjagden und Kugelhageln träumte, vergingen. Irgendwann im Mai erschien ein Verkäufer mit einem Interessenten, ein älterer Herr namens Karl, bei mir. Er fuhr in einem 75er Passat Fließheck vor, den die Zeit dahingerafft hatte. Nein, dies war kein Agent. Karl war schon einige Jahre Rentner, gerade 75 Jahre geworden und wollte sich ein neues Auto zulegen. Der Verkäufer erzählte: „Neues Modell, Passat Stufenheck, günstiger Preis, spezielles Angebot“. Was für ein spezielles Angebot? Sollte Karl ihm das abnehmen? Ich konnte ihm den Etikettenschwindel jedenfalls nicht bemerkbar machen.


Einige Tage später sah ich Karl wieder, er holte mich mit seiner Frau Resa vom Autohaus ab. Nach nunmehr fast eineinhalb Jahren Standzeit ging es wieder los. Auf der Straße traf ich ein paar Santanakollegen wieder. Endlich wieder Alltag!
Im Juli 1986 fand ich mich schon wieder im Autohaus ein. An die folgenden Stunden kann ich mich aber nicht mehr richtig erinnern. Als die große Flex angeschmissen wurde und ein Mechaniker anfing im vorderen Teil meines Daches ein Loch zu schneiden, wurde ich ohnmächtig. Als ich wieder zu mir kam, verstand ich - das war also das günstige Angebot des Verkäufers – wenn Karl mich kaufen würde, gab es ein Glasdach für die heißen Tage hinzu. Über die Jahre habe ich mich an das Dach gewöhnt, richtig passend fand ich es aber nie. Inzwischen hatte Karl auch bemerkt, daß er einen Santana gekauft hatte und keinen Passat, aber er fuhr deswegen immer noch gerne mit mir. Den Verkäufer vom Autohaus grüßte er allerdings nicht mehr.

In den folgenden Jahren bin ich regelmäßig in und um Bremen herum bewegt worden. Für den Winter bekam ich ein paar Fellbezüge für die Sitze. Auch wenn mich ab und an eine kleine Macke im Straßenverkehr erwischt hat, so kümmerte sich Karl immer gut um mich. Regelmäßig ging es zur Inspektion.

Eines Sommerabends fuhr ich mit Karl und Resa an den Waldrand. Karl parkte mich an einem Feldweg und ging mit seiner Frau in den Wald. Irgendwann knallte es laut und meine C-Säule links juckte ganz fürchterlich – und ich konnte nicht kratzen! Ich hatte ein Einschussloch!
Nur ein kurzsichtiger, vom Jagerwurz angeheiteter Förstersmann konnte ein braunes Wildschwein mit einem silbernen Santana verwechseln - oder sollte nun doch endlich mein Dienst in geheimer Mission starten? Nein, leider wieder nicht. Allein der Gedanke daran war aber schon wieder spannend genug für mich.
Als Karl wiederkam war er ausser sich, er ließ das Loch gleich am nächsten Tag zuschweißen, aber leider nicht besonders liebevoll. Die Narbe trage ich noch heute.

Zum Ende der 90er Jahre wurde ich immer weniger bewegt. Seit 1999 habe ich Karl nie wiedergesehen. Resa ließ sich fortan von mir und ihrem Schwiegersohn ab und an zum Einkaufen, am Sonntag zum Kaffeetrinken oder einfach auch mal nur so durch die Gegend chaffeurieren. Manchmal diente ich auch als Aushilfsfahrzeug wenn der Golf 2 von Resas Tochter zum TÜV/AU oder der Golf 4 von Resas Schwiegersohn in die Werkstatt musste. Meine Artgenossen auf der Straße wurden langsam auch immer weniger.
Im Jahre 2000 erhielt ich bei 71756 km noch einen neuen Zahnriemen. 2003 eine neue Bremsen hinten und 2005 noch eine neue Lichtmaschine und Achsmanschette.
Hier beginnt nun auch langsam der letzte Teil meiner Geschichte.
Im August 2005 sprang ich nach einiger Standzeit nicht mehr an. Man musste mir immer Starthilfe geben. In der kleinen Werkstatt, in der ich in letzter Zeit repariert wurde, setzten sie mir eine neue Lichtmaschine ein, denn meine (Esso!-)Batterie sei ja noch gut.
Im Frühjahr 2006 hatte ich aber immer noch Startprobleme. Mein Fahrer baute mir das Kombiinstrument aus, sah nach der blauen Leitung zur Lima (Selbsterregung) und tauschte noch den Festspannungsregler aus. Er hatte sich sogar Selbsthilfebücher gekauft. Geholfen hat es nicht. Die Batterie musste immer noch nachgeladen werden oder ich per Starthilfe gestartet werden. Er nahm Kontakt mit einem Santanaexperten aus Braunschweig auf. Dieser, als Santana-Klaus bekannt, riet dazu die Batterie auszutauschen – Mhmm, laut Werkstatt war sie doch noch gut? Ich kenne mich mit Technik ja nicht so aus, aber wenn selbst meine Uhr im Armaturenbrett nicht mehr tickt….konnte er Recht haben?
Dann ging alles plötzlich sehr schnell – Resas Tochter Jutta mit Mann kamen eines Samstags zu mir. Da Starthilfe mit ihren Starthilfekabeln nicht klappte (deren Querschnitt war zu klein und die Übergangswiderstände zu groß, wie ich mir hinterher von Klaus habe erklären lassen), riefen sie den ADAC, der mich zum Laufen brachte. Sie tankten mich voll (und das bei laufendem Motor!) und fuhren mit mir auf die Autobahn Richtung Süden. Eine Fahrt ohne Resa ? Auf die Autobahn ? Jutta folgte mir im Golf 4. Ich war nervös, dennoch machte die lange Fahrt richtig Spaß! Trotz des etwas älteren Öls schnurrte mein kleiner Motor wie ein Kätzchen. Ein bisschen nachdenklich machten mich meine 16 Jahre alten Reifen, aber auch sie hielten durch.
Gegen Mittag kamen wir in einem kleinen Ort bei Braunschweig an. Dort parkte ein Santana GX5 vor der Tür und ein junger Mann stellt sich als Klaus vor. „Was mochte nun mit mir passieren?“, fragte ich mich aufgeregt. Jutta sprach sich dafür aus, meinen Motor laufen zu lassen. Klaus aber parkte mich ein und schaltete ihn aus.
Nach gut einer halben Stunde kamen die Drei wieder. Jutta und ihr Mann verabschiedeten sich von mir und meinem neuen Besitzer und fuhren fort. Dieser versuchte mich natürlich gleich nochmal zu starten. Ich war es ja schon gewohnt - nichts ging. Der erwartete Griff zur Motorhaube folgte. Ich konnte gar nicht so schnell schauen, wie ich eine neue Batterie eingebaut bekam. Meine Uhr tickte nun auch wieder im Stand. Was soll ich Euch sagen? Ich sprang beim ersten Schlüsseldreh an. Da hatte sich die Werkstatt wohl doch grundlegend geirrt!
Es ging wieder ein Stück nach Norden, wo sich Klaus mit Tilman, dem anderen Santanaexperten des Santanazentrums Braunschweig, traf. Ich lernte schon wieder einen neuen Santanakollegen kennen, einen silbernen Turbodiesel GX, der viel mehr an Ausstattung hatte, aber auch viel mehr an Kilometern.

Nach vielen weiteren Kilometern Richtung Süden landete ich in einem kleinen Weserstädtchen in einer Halle. Ich traute meinen Scheinwerfern kaum und wurde im Kreise anderer Volkswagen willkommen-geheißen.
Seitdem sind nun schon wieder zwei Jahre vergangen, ich habe einen Ölwechsel, einen neuen Auspuff und neue Reifen bekommen und mich gut eingelebt. Mein besonderer Kumpel ist ein weißer Santana CX, der zwar etwas besser ausgestattet ist als ich, aber auch eine interessante Geschichte hinter sich hat. Ab und an werden wir mit roten Kennzeichen bewegt - so lässt es sich aushalten!

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